Samstag, 17. März 2018
Unsere gemeinsame Zeit in Iran (9)




MORGENS UM 7 WAR DIE WELT NOCH IN ORDNUNG...



Dizin - wenn man diesen Ortsnamen in der Schule nennt, weiß jeder, was gemeint ist: seit 50 Jahren fährt die Schule mit den Klassen 4 - 9 in den kleinen Skiort ca. 3 Autostunden von Teheran entfernt und in ca. 3000 m Höhe. Es ist d a s Skigebiet der Teheraner.



Natürlich war es für uns bisher nicht vorstellbar, dass man im Iran Skilaufen kann - aber man kann!!





Als ich gefragt werde, ob ich Ski laufe und Lust hätte, als Begleitperson mitzukommen, ist für uns beide klar - das geht. Beda fährt ganz privat mit und bezahlt auch alles selbst. Jede der 10 Gruppen hat mindestens einen Skilehrer und einen Lehrer. Und ich begleite eine Fast-noch-Anfänger-Gruppe - Schneeflug können sie nach ein paar Tagen jedenfalls - dachte ich...
Am Tag vor der Abreise jedenfalls passiert es. Ein kleiner Skiläufer fährt wenn auch recht langsam von hinten in mich hinein, grätscht mir in die Beine und wir verhaken uns ineinander. Das Fatale daran ist, dass die Bindung der geliehenen Skier nicht aufgeht und ich nach vorne katapultiere. Aus war's mit Dizin! Ein Schlitten bringt mich ins Hotel, wo ich gleich ärztlich behandelt werde. Am nächsten Tag ist Abreise.

Im Krankenhaus stellt man nach MRT und CT fest, dass am rechten Fuß beide Knöchel gebrochen sind und ich am folgenden Tag sofort operiert werden muss.



Nach einer dreistündigen Operation habe ich jeweils links und rechts von den beiden Knöcheln eine Metallplatte sowie eine Schraube zur Stabilisierung in meinem rechten Fuß.



Um Fragen nach dem Standard der medizinischen Versorgung vorwegzunehmen - ich habe keinen Moment daran gezweifelt, in guten Händen zu sein! Alle Maßnahmen wurden immer mit uns abgesprochen, das war für uns beruhigend.

Dank der Medikamente habe ich kaum Schmerzen. Ich habe auch keine Zeit, mich darum zu kümmern - es ist alles so neu für mich! Das Leben im Krankenzimmer ist für uns gewöhnungsbedürftig.
Angefangen von der Körperpflege übers Essen bis hin zur medizinischen Versorgung - jeden Tag lerne ich dazu.

Kaum war ich in meinem Zimmer, richtete man für Beda gleich das Besucherbett. Aber das wollten wir nicht, er schlief lieber zu Hause.



Das Tablett mit dem Essen war immer auch für ihn gerichtet - uns wurde bald klar, dass die Familie anscheinend rund um die Uhr beim Patienten weilt. Wenn Beda mal nicht da war, stellte man das Tablett trotzdem nur ins Zimmer, aber nicht an mein Bett - dafür ist die Familie da. Und gewaschen wurde ich auch nicht, wenn ich mich nicht selbst darum gekümmert hätte.



Beim Pflegepersonal gibt es eindeutige Hierarchien - die dunkelblau gekleideten Schwestern haben z.B. studiert!



Nach 3 Tagen werde ich entlassen und bewege mich nur mit dem Walker bzw. auf Krücken vorwärts.





Die nächsten drei Monate ist ans Gehen nicht zu denken!! Von der Schule bekomme ich einen Rollstuhl, den ich über die 2-wöchigen Neujahrsferien benutzen kann.



Meine erste Ausfahrt zum Bäcker mache ich in unserem relativ ruhigen Viertel.



Die Jungs vom kleinen Lebensmittelladen (ich nenne ihn unseren Edeka) nebenan erkundigen sich rührend nach meinem Befinden und nehmen richtig Anteil, während ich draußen auf Beda warte.



Feixend fragen sie, ob mich mein Mann verdroschen hat...



Bäume mitten auf dem Bürgersteig, Baustellenbarrieren oder Treppenstufen verhindern ein Durchkommen.



Also fährt Beda mich auf der Straße, und zu unserer Überraschung hupt niemand, wenngleich sie doch recht dicht an mir vorbeifahren, oder warten geduldig, wenn's nicht geht.


SALE NOW MOBARAK
(Frohes Neues Jahr)

Vor einem Jahr kam ich nach den Nowrouz-Ferien (Neujahrsferien) nach Teheran und bin nun in diesem Jahr ganz gespannt auf die Feierlichkeiten des wichtigsten Festes des iranischen Jahres.



Trotz Krücken muss ich unbedingt in die Schule, um an der Feier teilzunehmen. Es ist so anstrengend, auf nur einem Bein den Weg vom Eingang zum Aufführungsort zurückzulegen, aber es hat sich gelohnt!



Die Kinder der Klassen 1-7 haben Tänze einstudiert, führen Instrumentalstücke auf, singen traditionelle Lieder und haben viel Spaß, ihren Eltern, Lehrern und den anderen Klassen etwas vorzuführen.





Natürlich dürfen bei einem solchen Fest wichtige Bestandteile nicht fehlen. So z.B. ein Tisch mit 7 Dingen, die in Farsi mit S beginnen und 7 Tugenden symbolisieren (haft sin = 7 S):




* Samano (sieben Keimlinge der verschiedenen Getreidesorten) >
Wohltat und Segen
* Sabzi = Grünes (Weizen-, Gerste-, Linsensprossen) >Munterkeit
* Sir = Knoblauch > Schutz
* Senjed = Mehlbeere (Vogelbeere) > Saat des Lebens
* Sumaq = Gewürzsumach > Geschmack des Lebens
* Serke = Essig > Fröhlichkeit
* Sieb = Apfel > Gesundheit

Ferner kann der Haft-Sin-Tisch mit weiteren Elementen geschmückt werden:

* Sonbol, Sombol („Hyazinthen“) > Freundschaft
* Sekeh („Münze“) > Wohlstand
* Ayineh („Spiegel“) > Reinheit und Ehrlichkeit
* Scham’ („Kerze“) > Feuer
* Tochm-e morgh-e rangi („Gefärbte Eier“). Das Ei
symbolisiert Fruchtbarkeit. Die Anzahl richtet sich meistens nach der Zahl der Familienmitglieder, vier Personen = vier Eier. Sie sind den Ostereiern vergleichbar.
* Mahi ghermez („Goldfisch“) im Wasser > Glück
Alternativ werden auch Narendsch („Bitterorangen“) in eine Schüssel mit klarem Wasser gelegt.
* Ketab („Buch“) symbolisiert Weisheit; üblich sind Der Diwan von Hafis, das Schahname von Abl-Qsem-e Ferdousi oder je nach Glaubensrichtung die Avesta, der Koran, die Bibel oder die Tora.

Kurz vor dem Jahreswechsel sammelt sich die gesamte Familie um den Haft Sin und wartet betend auf den Jahreswechsel. Nach dem Jahreswechsel umarmen sich die Familienmitglieder und gratulieren einander mit folgendem Satz: sale now mobarak (Frohes Neues Jahr). Danach werden die jüngeren Familienmitglieder von den Älteren beschert, was in der Regel mit Bargeld geschieht.



Eine weitere Tradition ist das sogenannte 'Feuerspringen' in der Nacht vom letzten Dienstag zum letzten Mittwoch im iranischen Kalender.
In alten Tagen wurde ein Feuer entzündet, über das man sprang und dabei Folgendes rief: "Das Gelbe von mir an dich und das Rote von dir an mich!"
Das "Gelbe" ist alles Schlechte, Kranke und Schwache. Das soll dem Feuer übergeben werden. Das "Rote" ist Stärke, Energie, Gesundheit... Das soll das Feuer uns geben!
Mit diesem Ritual wurde das alte Jahr verabschiedet. Gereinigt und gestärkt wollte man ins neue Jahr hinübergehen. Heimliche Wünsche wurden beim Feuersprung geflüstert und gute Vorsätze gefasst.
Heute gibt es diese Tradition zwar immer noch, aber zusätzlich wird ungefähr drei Tage lang ausgiebig von Blitzknallern, Raketen und allem möglichen Feuerwerk Gebrauch gemacht. (aus: Persienreisen)

Am Dienstag, den 20. März 2018 ist es dann soweit. Das alte Jahr 1396 endet dieses Jahr genau um 19 Uhr, 45 Minuten und 28 Sekunden iranischer Zeit und es beginnt das Jahr 1397.


FADjR-THEATER-FESTIVAL

Leider zu spät erfuhren wir durch einen Bericht in der SÜDDEUTSCHEN, dass in Teheran das 36. Fadjr-Festival - eines der größten Theaterfestivals der Welt - stattgefunden hat. In diesem Jahr waren die Münchner Kammerspiele mit HAMLET zu Gast und Katja Bürkle wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
Wie gerne hätten wir diese Aufführung miterlebt!
Doch weder die deutsche Botschaft, noch das Goethe-Institut hatten durch ihre Newsletter die deutsche Gemeinde davon in Kenntnis gesetzt. Im Internet fanden wir endlich das Programm, das allerdings nur auf Farsi geschrieben war.


FOTO-AUSSTELLUNG

An einem trüben Samstag rafften wir uns abends noch auf und fuhren mit der Metro ins Zentrum zu einer bemerkenswerten Foto-Ausstellung.
Sie befasste sich kritisch mit Problemen im Iran. So wurde die Isolierung der Studenten in ihren Dormitorys (Studentenwohnheimen) mit strikter Geschlechtertrennung dargestellt, ebenso das Leben der Afghanen am Rande der Teheraner Gesellschaft, die öffentliche Hinrichtung am Galgen vor einer riesigen Menschenmenge und die Umweltzerstörung.
Bemerkenswert deshalb, weil solche Ausstellungen angemeldet und genehmigt werden müssen.
Wir trafen gerade ein, als die Fotografen ausgezeichnet wurden.