Freitag, 26. Januar 2018
Unsere gemeinsame Zeit in Iran (7)




Was für ein Jahr liegt hinter uns! Nichts ahnend, was in diesem Jahr auf mich zukommen wird, werde ich noch im Februar neben meinem Vorsitz im Ortsverein Renchen zum Vorsitzenden des DRK-Kreisverbandes Kehl gewählt, natürlich in der Annahme, dass unser Leben so weiter gehen wird wie bisher: Ulrike, jetzt im Ruhestand Schauspielerin im Illenautheater, Deutschlehrerin ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, Betreuung unserer uns ans Herz gewachsenen irakischen Familie; ich Vereinsarbeit im Roten Kreuz, Anwaltstätigkeit, Gartenarbeit, alljährlicher Katharinenball und zu Weihnachten Jahresabschluss der freiwilligen Feuerwehr, Kulturtage und alles, was so zum Renchner Alltagsleben gehört. Allerdings wollte ich 2017 auch kürzer treten, um mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen mit Ulrike zu haben. Für Ostern war eine Reise ins Piemont fest geplant, für Juni eine Reise zum Polarkreis zur Mittsommernacht, den Sommer wollten wir – nicht mehr an die Schulferien gebunden – mal zu Hause in der schönen Ortenau verbringen, im Herbst war die Bretagne fest eingeplant.

Ende Februar kam dann Ulrikes unbefangene Frage am Frühstückstisch – als ging es darum, heute Abend mal ins Theater zu gehen oder zu Freunden: „WAS HÄLTST DU DAVON, NACH TEHERAN ZU GEHEN ?!?"
Ich: Wann denn?
Sie: Im September! Ich habe aber auch noch Angebote aus Peking, Tokio, Nairobi und Erbil im Irak.
Ich: Ja, schon, Teheran finde ich ganz prickelnd. Du weißt, dass ich für einen Auslandsaufenthalt zu haben bin, aber hättest du mich an deinen Plänen nicht etwas früher teilhaben lassen können. Unsere Absprachen und Planungen für dieses Jahr waren ja etwas anders.
Sie: Es ist ja noch nichts fest. Ich kann ja alles abblasen.
Ich für mich: Soweit kommt es noch!
Nach mehreren Skype-Gesprächen liegen die Angebote von Teheran, Erbil und Tokio vor. Wir beide finden Teheran am spannendsten. Als Ulrike zusagt, kommt die Rückfrage, ob sie nicht auch schon im April kommen kann.
Ulrike zum Schulleiter: Das ist kein Problem.
Und zu mir: Bis dahin sind es ja noch 6 Wochen und zu den Sommerferien im Juli bin ich ja wieder hier und kann dir helfen; dann kannst du im September mit mir zurückfliegen.

Als Ulrike im April abfliegt, steht der Hochzeitstermin von Franzi und Ale im Juli in Monforte d´Alba schon fest. Die Fahrt zum Polarkreis zur Mittsommernacht unternehme ich, wenn auch nicht mit Ulrike, sondern mit einem guten Freund.



In Renchen werden wir nach unserer Rückkehr aus Teheran nach heutigem Stand unseren Lebensmittelpunkt nicht mehr fortsetzen. Das heißt fürs Erste: Haus vermieten mit allem, was dazu gehört - Haushalt auflösen, Inventar dezimieren, bei ebay verkaufen, an Freunde verschenken oder auf der Deponie entsorgen, Haus und Garten zur Vermietung auf Vordermann bringen und Maler bestellen, daneben Haushalt führen, waschen, kochen, putzen.



Schon das ist ein volles Programm. Hinzu kommt die Abwicklung der Kanzlei. Ich nehme keine Mandate mehr an. Es laufen aber seit drei Jahren noch vier Prozesse, die sich hinziehen und die ich wegen des Vertrauens der Mandanten zu mir persönlich zu Ende führen möchte. Einen Einfluss auf den Fortgang der Verfahren habe ich nicht. Mir wird hier erstmals bewusst, wie sich solche Verfahren manchmal hinziehen durch Richterwechsel, unsorgfältige bzw. kurzfristige Vorbereitung der Richter und Wochen vorher anberaumte Termine deswegen zwei Tage vorher aufgehoben werden müssen. Dass die Prozesse im August zu Ende gehen, ist eher unwahrscheinlich, es sei denn, die Parteien regeln das untereinander.





Nicht zuletzt laufen in Kehl die Planungen mit dem Architekten und die Verhandlungen mit der Stadt über den Neubau des DRK-Zentrums, in Appenweier findet der Spatenstich für das Katastrophenschutzzentrum statt. Ich habe dem Kreisverband versprochen, dass ich für einen geordneten Übergang bis zur Kreisversammlung im November noch im Amt bleiben werde. Dies sind Fixpunkte, nach denen sich Ulrikes Erwartungen, ich könne wenigstens in den Herbstferien für zwei Wochen nach Teheran kommen, noch realisieren ließen. Da sind allerdings auch die Prozesse, in denen Termine kurzfristig anberaumt, dann aber wieder aufgehoben werden. Dass diese Prozesse bis November ihr Ende finden könnten, wird im Laufe der Zeit immer unwahrscheinlicher. Zu viele Unwägbarkeiten, die nicht in meiner Hand liegen….

Am Mittwoch, den 3. Januar 2018, ist es dann aber endlich soweit. Meine Rot-Kreuz-Vorstandsämter im Ortsverein Renchen und im Kreisverband Kehl sind mit Wehmut niedergelegt, Kanzlei und Haushalt sind aufgelöst, das Haus an den Mieter übergeben. Eine Ära von 30 Jahren im Schwarzwald ist beendet.





Nach einer schönen Silvesterfeier und einem herzlichen Abschied bei Freunden, die unseren Haushalt beherbergen, geht es dann zur letzten Nacht in unserem Haus.



Früh morgens um 5 Uhr stehen wir nach einer unruhigen Nacht auf, räumen unsere letzten Sachen zusammen und stellen fest, dass wir Übergepäck haben. Da mein Flug später gebucht worden war, darf ich im Gegensatz zu Ulrike, statt der üblichen 30 Kilo, 50 Kilo mitnehmen. Das heißt, Gepäck aussortieren und umverteilen. Zum Schluss kommen wir auf die 80 Kilo. Das Handgepäck wird dafür umso schwerer.

Um sieben Uhr sind wir bei Edith und Bernd zum Frühstück eingeladen. Wir schaffen unsere Campingausstattung, die uns das Leben in unserem Haus bis zuletzt ermöglicht hat, in den Bus und fahren los. Der Bus wird in ihrem Carport abgestellt und ihnen die Schlüssel übergeben. Aus Sorge, dass wir wegen der kurzen Umsteigezeit von nur 6 Minuten den Anschluss verpassen, fahren sie uns zum Bahnhof nach Offenburg.

Auf der Fahrt in der Dunkelheit nach Offenburg lassen wir Erinnerungen an eine herrliche Landschaft und an viele Freundschaften Revue passieren, die unser Leben bereichert haben und die wir nicht missen möchten. Wir werden immer gerne an die Zeit im Schwarzwald zurückdenken. So fremd uns die Ortenau zunächst war, das Neue, das uns erwartet, wird um vieles fremder sein. So cool ich bislang war, die Spannung wächst. Wir erreichen den Offenburger Bahnhof gut in der Zeit. Es folgt ein letzter herzlicher Abschied. Allen Lieben, die uns in den letzten Tagen den Abschied schwer gemacht haben, hiermit noch einmal ein ganz großes Dankeschön.



Von Offenburg aus geht es zum Flughafen Frankfurt. Der Zug ist gut besetzt. Wir finden gerade noch zwei Plätze nebeneinander rechts und links vom Gang. Größer ist das Problem, in dem voll besetzten Zug unsere vier Riesenkoffer unterzubringen, die dann für manchen Platz Suchenden zu einem Hindernislauf werden.

Ich mustere mein Gegenüber. Er greift zum Handy und unterhält sich in einer arabischen Sprache. Ich bin fest davon überzeugt, das ist ein Geheimdienstmann des Iran. Die Farsi-Sprachkenntnisse von Ulrike sind schon so weit gediehen, dass sie die Sprache tatsächlich als Farsi erkennt. Na also, ich wusste es doch. Ulrike lässt sich dadurch nicht abschrecken und geht mit den üblichen Fragen woher, wohin, warum in die Offensive. Die Fragen werden in einem guten Deutsch bereitwillig beantwortet: Taxifahrer, seit 30 Jahren in Freiburg, Iran damals nicht wegen der grünen Revolution verlassen, wollte eigentlich zu Verwandten in die USA, blieb dann aber in Deutschland hängen, fliegt nach Iran, um eine Frau zu heiraten, die dann auch nach Deutschland kommen will. Bei so viel Vertrauensseligkeit knüpft sich ein Gespräch bis Frankfurt an, in dem wir schon viel über Iran erfahren. Nach der Ankunft in Frankfurt begleitet er uns auf Schritt und Tritt, weist uns den Weg zum Check-in-Schalter bis zur Sicherheitskontrolle und steht von nun ab für jede Hilfe bereit, nicht ohne uns zu fragen, ob uns dies unangenehm sei.

Der Check-in verläuft reibungslos. Unsere Waage war also gut geeicht. Weiter geht es zur Sicherheitskontrolle. Ulrike wird in der Schlange vor dem Check-in von einer netten jüngeren Frau angesprochen. Nach den Standardfragen woher, wohin, warum, begleitet uns nun auch diese fortan. Sie ist Iranerin, arbeitet in Karlsruhe in der Geriatrie und fliegt nach Teheran, um dort eine Zusatzprüfung abzulegen. Auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle verspüre ich den Drang, ein letztes kühles Bier vor dem Abflug zu trinken. Im Schlepptau unserer beiden Begleiter machen wir uns auf dem großen Frankfurter Flughafen auf die Suche, die wir - es ist kaum zu glauben - nach einer halben Stunde ergebnislos aufgeben, um noch rechtzeitig zur Sicherheitskontrolle zu gelangen, wo sich zwischenzeitlich eine lange Schlange gebildet hat. Ulrike wird freudig von einer Schülerin begrüßt, die stolz ist, hier ihre Lehrerin zu treffen. Nach etwa einer halben Stunde sind wir an der Reihe. Ulrike kommt ohne weiteres durch die Sicherheitskontrolle. Ich muss mich untersuchen lassen, weil bei der Durchleuchtung meines Handgepäcks - wie ich auf Befragen erfahre - mehr als vier "Anomalien" - so heißt das wirklich -festgestellt werden. Ich muss meinen Rucksack den kontrollierenden Damen aushändigen, die jedes einzelne Teil herausnehmen und untersuchen, dessen Umrisse sie auf dem Bildschirm entdecken und ihnen verdächtig vorkommt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Verdächtiges in dem Rucksack ist, muss mich dann aber wundern, was bei der Umverteilung der Koffer alles in den Rucksack gewandert ist und nun mit großer Neugierde begutachtet wird. Neben einem Hörverstärker findet meine Handpresso (meine händische Outdoor-Espressomaschine), die wohl am meisten als Waffe geeignet erscheint, größtes Interesse, Gott sei Dank ist sie einem Kollegen bekannt, der abwinkt. Nachdem noch weitere Aufklärung über Medikamente erbeten werden und über ein weißes Puder (Mehl), teilt mir die nette Dame vom Zoll mit, dass ich jetzt alles einpacken darf. Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass ich eigentlich erwartet hätte, die Damen vom Zoll würden das machen. Nun ja, es dient ja unser aller Sicherheit.

Nach einer guten Viertelstunde ist die Kontrolle überstanden und es geht in das Flugzeug der Iran Air, eine Boeing 777 mit drei Sitzreihen, die mittlere mit vier Sitzen, die äußeren mit je zwei Plätzen. Wir bekommen die mittlere mit vier Sitzen zugewiesen, von denen nur unsere beiden besetzt werden. Wir haben also die ganze Sitzreihe für uns. Zur Freude von Ulrike brauchen die Frauen (noch) kein Kopftuch aufzuziehen.



Es dauert nicht lange, bis sich das Flugzeug pünktlich in Bewegung setzt, nach ziemlich langer Bodenfahrt die Startbahn erreicht und abhebt. Nachdem Handys wieder eingeschaltet werden dürfen, erfahren die Reisenden in der Umgebung unseres Hintermannes, durch ein Telefonat, dass nach einer neueren Bewertung bei dem Verkauf von Wohnungen in weiß Gott nicht wo?, die mit 800.000 Euro angeboten worden waren, noch etwas mehr drin sei. Gut, dass wir das wissen!



Beim Anflug sehen wir ein funkelndes Lichtermeer. Nach einem ruhigen Flug landen wir mit etwas Verspätung nach etwa 6 Stunden um 20.20 Uhr Ortszeit auf dem Teheraner Iman Khomeini Flughafen mit einer butterweichen Paradelandung. Es ist dunkel. Die Pass- und Zollkontrolle durchlaufen wir ohne Probleme und verabschieden uns dort von unseren Begleitern, die uns noch ihre Telefonnummer geben, für den Fall, dass wir irgendwelche Schwierigkeiten hätten...

Nun bin ich schon über drei Wochen hier in Teheran. Es strömen so viele Eindrücke auf mich ein, dass ich das Gefühl habe, schon Monate hier zu sein.

Am Flughafen hat Ulrike die Abholung mit Marshalla verabredet. Er steht mit seinem Fahrzeug, Peugeot 405, französische Karosserie und chinesischer Motor, bereit. Der Iran hat aber auch, eine Eigenproduktion Marke Saipa, dem Peugeot nicht ganz unähnlich. Er heißt mich herzlich in Teheran willkommen.

Der Verkehr ist gewöhnungsbedürftig. Geblinkt wird nicht, dafür umso mehr gehupt. Die Fahrzeuge befinden sich in ziemlich gutem Zustand und weisen wenig Beulen auf, was mich in Anbetracht der Fahrweise der Verkehrsteilnehmer verwundert. Fahrspuren werden gewechselt, indem Fahrzeuge zur Seite abgedrängt werden. Plötzliche Fahrspurwechsel werden durch andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger hervorgerufen, die die sechsspurige autobahnartige Straße überqueren (wohlbemerkt bei Dunkelheit) oder durch Motorradfahrer, die ohne Licht auf der rechten Fahrspur entgegenkommen (wohl gemerkt: es herrscht Rechtsverkehr!).

Auf der Fahrt in die ca. 60 km entfernte Innenstadt sehen wir von Weitem bereits eine riesige farbig erleuchtete Kuppel, das Mausoleum des 1989 verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruholla Khomeini, das von vier Minaretten flankiert ist, die jede 91 m hoch sein soll, ein Meter für jedes Lebensjahr. Dem gegenüber befindet sich der größte Friedhof des Landes mit Opfern der Revolution und des Irakkrieges. Auf der weiteren Fahrt passieren wir Hochhäuser rechts und links, die mit übergroßen Portraits von Märtyrern des Irakkrieges verziert sind.



Zum Verständnis der öffentlichen Verehrung der Opfer des Irakkrieges, muss man wissen, dass Saddam Hussein die im Jahre 1980 nach der Flucht des Shah durch die grüne Revolution im Iran seinerzeit entstandene Instabilität nutzen wollte, in einem "Blitzkrieg" die iranische Erdölprovinz Khuzestan im Südwesten des Landes zu erobern, um die Vorherrschaft im Mittleren Osten zu erlangen. Aus der Intervention entwickelte sich ein Stellungskrieg, in dem Saddam Hussein auch Senfgas einsetzte. Nach 8 Jahren endete der Krieg mit einem Waffenstillstand. Dir Iraner konnten sich gegen die übermächtige Armee erfolgreich verteidigen. Die Eroberung misslang. Der Krieg kostete 100.000 Iranern das Leben.

Dass die Iraner den Krieg gewonnen haben, erfüllt sie bis heute mit Stolz. Die geistlichen Führer führen die erfolgreiche Verteidigung des Landes auf Allahs Hilfe zurück.

Die Fahrweise setzt sich in der Innenstadt fort. Ich bin heilfroh, nicht selbst fahren zu müssen und die ersten Eindrücke auf mich einwirken zu lassen. Es herrscht um 22.30 Uhr ein reges Treiben. Bunte Leuchtreklame blinkt. Kleine Läden reihen sich aneinander. Zwischen kleinen Obst- und Gemüseläden mit ihren prächtig aufgebauten Auslagen bieten Metzger, Bäcker, Haushaltsläden und Teppichgeschäfte ihre Ware feil. Daran vorbei fließt der Verkehr mit seinem Gehupe. Wir biegen in eine steile mit 6-8-stöckigen Häusern bebaute Seitenstraße ein, in der es ruhiger wird und erreichen bald unser neues Zuhause. Wir hieven die Koffer über das "Bächle" auf den Bürgersteig und verabschieden uns von Marshalla. Mit dem Aufzug geht es in den zweiten Stock. Nun sehe ich unsere Wohnung zum ersten Mal - hier lässt es sich leben. Ulrike hat eine gute Wahl getroffen. Wir stellen unsere Koffer ab und machen uns sogleich ans Auspacken, damit wir uns möglichst bald wohlfühlen können und gestatten uns den Willkommenstrunk, ein kleines Bierchen, das Ulrike im Kühlschrank bereitgestellt hat, natürlich alkoholfrei. Dann macht Ulrike mit mir die Wohnungsbegehung und zeigt mir, was mal repariert werden müsste... Steckdosen hängen locker in der Wand, das Badezimmerschränkchen hat keinen Strom. Dann weist sie mich in die Handhabung der Toilette ein: das Toilettenpapier nie in die Toilette werfen! Die Abflussrohre sind so dünn, dass sonst Verstopfung droht. Für das Papier steht ein kleiner Eimer bereit. Es hört sich also schlimmer an, als es ist. Meine Befürchtung wegen des Geruchs erweist sich als unbegründet. Wider Erwarten verbreitet sich kein Gestank. Der Eimer mit dem Müllbeutel wird regelmäßig geleert. Schwieriger ist die Umgewöhnung. Ein bisschen in Gedanken versunken, wandert das Papier ins Klobecken. Erleichtert stelle ich fest, dass es nicht gleich zu einer Verstopfung kommt. Todmüde fallen wir ins Bett.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Ich werde durch die Sonne geweckt, der Himmel ist blau. So macht es Spaß, das Frühstück zuzubereiten. Wir frühstücken ausgiebig und machen uns auf zur Erkundung der Stadt.
Ulrike bestellt über das Handy ein Snapp-Taxi. Die Bestellung eines Taxis ist sehr komfortabel über Handy zu bewerkstelligen. Man gibt seine Fahrtstrecke an und bekommt den Preis und das Nummernschild des Taxis auf dem Handy mitgeteilt, allerdings in persischen Schriftzeichen. Es geht zur Metrostation Gheytarieh zum Kauf einer Sim-Karte für mich, damit wir für alle Fälle telefonischen Kontakt miteinander haben.



Im zweiten Untergeschoss befindet sich der etwa 20 m² große Laden von IranCell, in dem sich etwa acht Bedienstete aufhalten. Vier sitzen hinter einem Tresen, einer rechts davon für besondere Fälle. Ein weiterer, dessen Funktion mir nicht ganz klar ist, sitzt auf einem Barhocker am Eingang und hat während unseres Aufenthalts keinerlei für mich ersichtliche Beschäftigung, es sei denn, er führt die Aufsicht oder ist für die Sicherheit zuständig. Sein Einschreiten ist während unseres mindestens halbstündigen Aufenthalts jedenfalls nicht erforderlich. Als wir uns zum Warten hinsetzen wollen, kommt einer der Bediensteten auf uns zu und zieht uns ein Ticket. Dankeschön, sonst hätten wir vermutlich Stunden gewartet. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass der Kauf einer Sim-Karte einen solchen Aufwand macht. Nach etwa zehn Minuten winkt uns der Mann für besondere Fälle zu. Er kennt Ulrike schon. Sie schildert ihm unser Anliegen. Er macht sich ans Ausfüllen eines seitenlangen Formulars und bittet mich um meinen Pass. Zum Abschluss lässt Ulrike noch ihre Sim-Karte aufladen. Es gibt nur einen Tarif für einen Monat, variabel ist lediglich das Volumen an Bites.

Wir verlassen den Laden. An der Wand der Metrostation ein Heldenepos.



Ulrike geht zum Schalter zum Kauf einer Metrokarte und legt dem telefonierenden Schalterbeamten das Geld hin.
Währenddessen spricht mich ein älterer Mann an und fragt mich, woher ich komme und ob wir Hilfe brauchen. Diese Frage kommt gerade rechtzeitig, weil Ulrike nämlich nicht die gewünschte Karte erhalten hat. Schon ist der Mann am Schalter und regelt dies für uns. Wir kommen ins Gespräch; er hat als Ingenieur in Deutschland gearbeitet. Er übergibt uns seine Visitenkarte für den Fall, dass wir irgendwelche Schwierigkeiten hätten und wünscht uns noch einen angenehmen Tag.

Wir verlassen nach kurzer Fahrt die Metro und steigen die Straße hinauf in Richtung Gebirge, dem Kanal entlang, der das Wasser aus dem Elbursgebirge aufnimmt, am deutschen Residenzgarten vorbei. Eine Wandmalerei erweckt unsere Aufmerksamkeit.



Wir verspüren Hunger und kehren im HEEVA ein. Die Menükarte gibt’s nur auf Farsi. Die männliche Bedienung erkundigt sich auf Englisch, woher wir kommen, um dann festzustellen, dass er und wir ja Arier seien! Wir nicken freundlich und lassen uns dann das Menü von ihm zusammenstellen nebst Vorspeisen. Die Bestellung eines Getränks stellt eine Herausforderung dar. Wenn man nicht auf etwas Bestimmtes Lust hat, bestellt man halt ein Bier oder einen Wein - bei uns in Deutschland. Aber hier? Limonade oder Cola ist nicht ganz meine Wahl, aber ein Mojito (Limette mit Minzblättern und Rohrzucker) mit crashed Eis ist eine echte Alternative.

Der Ober hat unseren Hunger wohl überschätzt. Ulrike bekommt ein zerlegtes gegrilltes Huhn mit einer Portion Reis und Beilagen.



Ich habe eine grießsuppenähnliche Suppe und Lamm ausgesucht, ebenfalls gegrillt und auch mit Reis. Das hört sich so recht langweilig an, die Raffinesse bekommt die iranische Küche durch die Kräuter und Gewürze, die man auch allenthalben frisch in den Geschäften bekommt, sei es Kerbel, Thai-Basilikum, Cardamom, Coriander oder Safran. Mein Reis ist mit Nüssen, Rosinen und fein geschnittenen Kumquatsschalen angerichtet, ein Gedicht!



Die Essensportionen sind so groß, dass wir sie nicht bewältigen können und ich sogar auf den Dessert verzichte.



Eine Portion hätte gereicht. Wir entschuldigen uns. Die Bedienung bietet uns einen Doggybag an. Wir nehmen dankend an und haben nun so die Verpflegung für den nächsten Tag gesichert.

Zurück geht es mit der Metro. wenn uns jetzt noch etwas fehlt, könnten wir es in der Metro erwerben, denn fliegende Händler preisen alle möglichen Waren an - Socken, Pantoffeln, Zeitschriften, Kaugummi etc. Auf dem Heimweg kaufen wir noch etwas Lebensmittel ein. Es herrscht Donnerstagabend- sprich Wochenendverkehr, denn der Freitag ist frei. Der Verkehr staut sich. Die Autoabgase stinken. Über der Stadt hängt eine Dunstglocke. Ich wage schon gar nicht mehr zu atmen und will nur noch schnell nach Hause.

Freitag, 5. Januar 2018

Wir machen uns bei schönem Wetter und kühler Temperatur wieder zu Fuß auf dem Weg zur Metro. Vom großen Tajrish-Basar aus wollen wir uns die Stadt aus einem Linienbus anschauen, von Norden nach Süden über die Vali-Asr St. Ich nehme vorsorglich aufgrund der gestrigen Erfahrung eine Atemschutzmaske mit. Vorbei an Ulrikes Schule geht´s gen Norden, Richtung Gebirge,



als drei Frauen uns einholen und uns bitten, zusammen mit ihnen ein Bild von uns machen zu dürfen. Etwas ungewohnt in dieser Rolle, sagen wir gerne zu. Als Dank bekommt Ulrike einen Kuss auf die Wange und eine Streicheleinheit. Dann fahren wir mit der Metro weiter. Man darf nicht vergessen, beim Verlassen der Station die Karte zu entsperren, sonst wird der ganze Preis von Fahrtbeginn bis zur Endhaltestelle berechnet. Als wir am Tajrish-Basar die Metrostation verlassen, spricht uns wiederum eine Frauengruppe an, ob sie mit uns ein Bild machen dürften. Was ist heute nur los? Irgendwie müssen wir beiden Aufsehen erregen. Das Foto wird gemacht.



Wir gehen ein paar Schritte weiter, als wir noch einmal angehalten werden. Die Frau, die die Aufnahme gemacht hat, will auch noch gerne mit aufs Bild. Nun gut. Dann geht es aber zum Bus. Wo einsteigen? Vorne oder hinten. Hinten ist das Abteil für Männer, vorne für Frauen. Was machen wir als Paar? Ich mit Ulrike ins Männerabteil oder Ulrike mit mir ins Frauenabteil? Wir entscheiden uns pragmatisch, das Frauenabteil ist leerer.



Während im Norden noch schicke Designerläden vorherrschen, ändert sich das Bild, je näher wir nach Süden kommen.



Wir kommen durch das Universitätsviertel, wo Tage zuvor die Unruhe begannen. Es ist kaum etwas los. Der Platz steht unter Beobachtung der Polizei und der bewaffneten Revolutionsgarden. Die Demonstrationen sollen aber auch erst bei Dunkelheit einsetzen.

An der Endstation, dem Hauptbahnhof, steigen wir aus und schauen ihn uns von innen an.



Während ich einen riesengroßen Koran betrachte, kommt uns eine große Gruppe Frauen in schwarzen Tschadoren entgegen, die von drei Männern durch die Fahrkartenkontrolle zum Bahnsteig geleitet wird. Das Bild hat etwas Unheimliches an sich. Es scheint sich um eine regimefreundliche Demonstrationsgruppe aus der Provinz zu handeln, die nach getaner Arbeit wieder nach Hause fährt. Gerne hätte ich ein Foto von vorne gemacht. Das erschien mir allerdings nicht opportun, zumal das Fotografieren in Bahnhöfen auch verboten sein soll. So gelingt es mir nur noch, von den Nachzüglern, die durch die Bahnsteigsperre gehen, von hinten ein Foto zu machen.



Wir schlendern noch etwas durch die Gegend und nehmen wieder den Bus bis zum Uni-Viertel.
Unser Pragmatismus bei der Auswahl des Abteils scheitert dieses Mal an einem in der Tür stehenden Mann, der uns auf das vordere Abteil verweist. Darf der Mann mit der Frau also ins Frauenabteil, die Frau mit dem Mann aber nicht ins Männerabteil? Im Uni-Viertel steigen wir aus und kehren in einem netten hypen Café, dem V-Café, in dem junge Frauen bedienen, die ihre Schals auffallend häufig abnehmen und ihr Haar richten, um das Tuch wieder lässig auf ihr Haar zu legen. Sieht gar nicht so schlecht aus. Die Stimmung ist gut.



Wir fahren mit einem Snapp-Taxi Richtung Zuhause und machen noch Einkäufe. Der Taxifahrer ist ein Ingenieurstudent und freut sich, sich mit uns auf Englisch unterhalten zu können.

Samstag, 6. Januar 2018

Für Samstag hat Ulrike eine Stadtrundfahrt mit einem deutschsprachigen Reiseführer gebucht. Die Buchung lief über ein Freiburger Reiseunternehmen. Wir verabreden uns mit dem Reiseleiter „Cheili“ (Name geändert) vor unserer Wohnung. Die Rundfahrt soll mit seinem Fahrzeug und einem Fahrer stattfinden. Unsere breit gefächerten Interessen haben wir ihm telefonisch mitgeteilt. Pünktlich um 9:30 Uhr klingelt es. Cheili erwartet uns mit "Chuani" (Name geändert), dem ebenfalls Deutsch sprechenden Fahrer, der aber auch Reiseleiter ist. Cheili braucht den Fahrer, da er sich vor drei Tagen den Fuß gebrochen hat, als er in ein 7 m tiefes Loch gestürzt ist, das notdürftig nur mit einer Metallplatte abgedeckt war, offensichtlich nicht ganz verkehrssicher. Aus der Stadtführung wird eher eine Einführung in Sitten und Gebräuche Teherans. Wir haben so viele Fragen, die wohl weniger Touristen stellen. Wo gibt es z.B. ein Freibad? Da stehen selbst unsere beiden Reiseleiter auf dem Schlauch.

Unsere Fragen und Gespräche nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass kaum Zeit zur Besichtigung von Sehenswürdigkeiten bleibt. Stattdessen werden wir in die Verkehrsregeln eingeweiht (welche man beachten sollte und welche man beachten kann) und in die Stimmung des Volkes. Der Autofahrer muss am Zebrastreifen zwar nicht halten, was ja den Verkehrsfluss behindern würde; passiert aber ein Unfall, haftet der Fahrer. Da es kein Fußgänger darauf anlegt, umgefahren zu werden, der Fahrer aber auch keinen Unfall verursachen will, setzt sich der durch, der die stärkeren Nerven hat. Am besten wartet man, bis auf der nächst gelegenen Spur ein so großer Abstand zum nächsten Fahrzeug entsteht, dessen Geschwindigkeit man so einschätzt, dass man bei Verringerung dessen Geschwindigkeit unbehelligt über die Straße gelangt. Der Fahrer wird es dann nicht darauf ankommen lassen und abrupte Bewegungen vermeiden. Keinesfalls sollte man allerdings Bremsmanöver einkalkulieren, schon gar nicht am Zebrastreifen. Ich habe gelesen, das Lenkrad kurz zur Seite zu reißen werde als weniger lästig empfunden, als den Fuß vom Gas aufs Bremspedal zu setzen. Eher seien die Autofahrer zu kurzen Schlenkern nach links oder rechts bereit, um den Fußgänger ungehindert die Straße überqueren zu lassen. Dies funktioniert allerdings nur bei wenig Verkehr. Das Überqueren wird erleichtert, wenn man sich einer Gruppe anschließt. Wichtig ist, auf Motorräder zu achten, die von links kommen und entgegen dem Verkehr fahren. Diese schlängeln sich durch die Staus und vollbringen dabei wahre Kunststücke. Sie sind bei diesem Verkehr das schnellste Verkehrsmittel von A nach B.



Die Frage nach der Einstellung der Iraner zu ihrer Regierung und zum System drängt sich in diesen Tagen nach den regierungsfeindlichen und -freundlichen Demonstrationen auf. Während wir in den deutschen Medien noch immer von Unruhen lesen und hören, kursieren hier Berichte über zahlreiche Festnahmen, die in der Zahl weit unter denen liegen, über die die deutschen Medien berichten. Allerdings dürften diese Berichte nur aus zweiter Hand stammen, da ein deutscher Journalist zur Zeit wohl kaum ein Visum für den Iran bekäme und die Internetverbindung zum Teil ganz ausfällt oder zumindest eingeschränkt ist. Unserem Wunsch, das Parlamentsgebäude anzuschauen, kann Cheili nicht nachkommen. Dort sei alles großräumig abgesperrt. Mit dem Wagen könnten wir dort nicht hin.

Die von uns gewünschte Art der Stadtführung ist für unseren Stadtführer sichtlich ungewohnt. Er scheint es aber zu genießen, uns nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit fahren zu müssen, zumal das Wetter etwas regnerisch und windig ist.



Um seinen Ruf als Stadtführer zu retten, fährt er uns wenigstens zu dem nach seinen Angaben vierthöchsten Turm der Welt.



Im Stadtführer von Teheran (Auflage 2015) wird der Miladtower mit seinen 435 m als sechsthöchster Turm der Welt ausgewiesen. Errichtet wurde er vor zehn Jahren. Zu seinen Attraktionen zählt das Drehrestaurant in 276 m Höhe, ein Imbissrestaurant und mehrere Aussichtsplattformen. Heute ist hier nichts los. Wir bleiben auch auf dem Boden, da die Sicht schlecht ist. Bei gutem Wetter und an Wochenenden, soll hier der Teufel los sein.





Im Eingangsbereich stehen moderne Kunstwerke, die an die Bremer Stadtmusikanten erinnern.





Nach der kurzen Besichtigung des Miladtowers verspüren wir Hunger und schlagen unseren beiden Begleitern vor, essen zu gehen. Cheili schlägt vor, zum Park-e Laleh (Tulpenpark) zu fahren, in dem sich das Teppichmuseum und das nationale Kunstmuseum befinden. Die Polizei und die Revolutionsgarden sind allgegenwärtig. Vor dem Essen wollen wir noch die Museen besichtigen.

Das Teppichmuseum erinnert mich an meine Studentenzeit, als ich in einem renommierten persischen Teppichgeschäft in Bonn gearbeitet habe. Die Namen kommen mir in Erinnerung und auch die Art und Weise wie Herr Gitizad die Namen aussprach. Ich kann mich wieder an den wundervollen fein geknüpften Teppichen erfreuen.









Eine Attraktion dieses Museums ist allerdings die Nachbildung des zweieinhalbtausend Jahre alten Pazyrik-Teppichs, der in einem Skythengrab im ewigen Eis des Altai-Gebirges gefunden wurde. Das Original wird in dem Eremitage-Museum in St. Petersburg aufbewahrt.

Das in der Nähe gelegene Museum mit zeitgenössischer Kunst können wir leider nicht besichtigen:



Es ist samstags geschlossen. Wir sehen im Park des Museums nur einige Kunstwerke, unter anderem von Henry Moore



und Alberto Giacometti.





Jetzt können wir essen gehen. Cheili schlägt ein einfaches Lokal in der Nähe vor, in das er wegen des guten Essens gerne geht. Das Essen sei landestypisch und nicht touristisch. Er ist in diesem Stadtviertel aufgewachsen und hat den Iran mit 16 verlassen. Er wollte damals eigentlich zu Verwandten in die USA, blieb dann aber auch in Deutschland hängen, weil das Geld nicht reichte. Die Geschichte haben wir schon mal gehört. Das Lokal befindet sich im ersten Stock eines unscheinbaren Hauses, direkt neben einer vielbefahrenen Highway-Brücke. Eine schmale dunkle Treppe führt hinauf.



(Foto: Fruchtsäfte in großen Flaschen kosten unterschiedlich viel)

Neben dem Eingang im Erdgeschoss befindet sich ein kleiner Stand mit Fruchtsäften und einer großen Schüssel mit einem schwarz geräucherten Etwas. Sieht von weitem aus wie geröstete Käfer. Chuani kauft für Ulrikes morgigen Geburtstag eine große Tüte davon. Es handelt sich um in der Schale geröstete Sonnenblumenkerne. Das Knacken der Kerne erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit. Die Iraner knacken sie in affenartiger Geschwindigkeit mit den Zähnen. Ich als Anfänger nehme zu Hause eine Schere zur Hilfe und finde schließlich auch den richtigen Ansatzpunkt, die obere Spitze, sonst zerdrückt man den Kern. Dennoch - Krabbenpulen ist nichts dagegen. Nach einer guten Stunde habe ich gerade mal einen Esslöffel Kerne zusammen, ohne dass ich etwas genascht hätte. Meine Finger sind schwarz.

Cheili erläutert uns die Speisekarte. Auf seinen Vorschlag hin nehmen wir als Vorspeise ein dünnes Fladenbrot, rohe Zwiebeln und Joghurt, als Hauptgericht gegrilltes Lamm und Gehacktes dazu Reis. Beim Getränk entscheiden wir uns als Alternative für Limo, Cola und Mineralwasser für Doogh, ein gekühltes Joghurt-Getränk. Über den Reis empfiehlt Hamishak zu streuen, ein rötliches Gewürz, das etwas säuerlich schmeckt. Um die rohe Zwiebel essen zu können, wird diese mit Joghurt in das Brot eingewickelt. Cheili empfiehlt dies seinen Reisegruppen auch als probates Mittel zur Vorbeugung von Magen-Darm-Beschwerden.

Nach dem Essen machen wir uns auf dem Heimweg. Ulrike muss zu ihrem morgigen Geburtstag für die Kollegen, die Verwaltung und ihre Schüler noch Shirinis (petit fours) bestellen und in die Schule bringen lassen. In der Produktion von Shirinis sind die Teheraner wahre Meister, die mit den Franzosen keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Sonntag, 7. Januar 2018



Es ist Ulrikes erster Schultag nach den Ferien und ihr Geburtstag. Nach dem gemeinsamen Frühstück um Viertel vor sieben gehen wir zusammen mit Christina, der Kollegin und Nachbarin von Ulrike, zur Schule, wo ich die Kollegen und Mitglieder der Verwaltung kennen lerne, die mich herzlich aufnehmen und mir Komplimente über meine Frau machen. Die Schüler freuen sich, den Mann von Frau Grollmann endlich kennen zu lernen und möchten persönlich begrüßt werden.





Da fängt es auch noch an zu schneien. Die Kinder spielen verrückt und wälzen sich in der hauchdünnen Schneedecke. Der Spuk ist bald vorbei und die Sonne kommt wieder durch.

Nachdem ich meinen Dienstpass zur Verlängerung des Dreimonatvisums in der Schule abgegeben habe, mache ich mich dann zu einer Stadterkundung auf und nehme mir zuerst die Haupteinkaufsstraße, die Shariati St. vor. Bei wunderschönem Sonnenschein und angenehm kühler Temperatur geht es los. Ich nehme alle Eindrücke fotografisch auf und lasse mich gut zwei Stunden bis zum Hemmat Expressway an der südlichen Shariati treiben. Die Stadt beeindruckt durch ihre Hochhäuser, ihre moderne Architektur und die internationalen Werbung im Straßenbild. An deutschen Firmen ist von Bosch über Siemens, WMF, BMW und VW alles vertreten, was Rang und Namen hat.

Am Hemmat Expressway mache ich kehrt, vorbei an einer Moschee, die noch unter Shahs Zeiten erbaut wurde und in der eben dieser Dr. Shariati, nach dem die Straße benannt ist, glühende Reden gegen den Shah geführt hatte, was dazu führte, dass die Moschee vom Shah geschlossen wurde.
Auf meinem weiteren Weg spricht mich ein Mann von hinten an. Ich vermute zunächst einen Taxifahrer oder einen Straßenhändler und versuche ihn abzuwimmeln. Er lässt nicht locker, was mich nervt und ich ihm im Weiterlaufen energischer deutlich mache, dass ich nichts von ihm möchte. Da schiebt er sich an mir vorbei, hält sein Funkgerät in die Höhe und sagt "Police". Der Mann ist in Zivil. Meine erste Reaktion: Da kann ja jeder kommen. Ich frage ihn auf Englisch nach seinem Ausweis. Er fragt mich auf Englisch, ob ich Farsi spreche, was ich verneine. Dann folgt die Frage nach meinem Pass. Da wird es mir ganz heiß. Der Pass liegt ja seit heute Morgen in der Schule!
Ob ich denn sonstige Ausweise, Kreditkarten, Führerschein oder sonst was dabei habe. Ich muss passen, Ulrike hatte mir nämlich tags zuvor empfohlen, alle Ausweispapiere aus dem Portemonnaie zu nehmen. Er bittet mich, um Aushändigung meiner Kamera, klickt die Aufnahmen durch und fragt mich, warum ich Aufnahmen mache. Nach einem Telefonat ein paar Schritte entfernt, kommt er zurück und fragt mich, warum ich fotografiere. Ich erkläre ihm, dass ich Tourist sei und ich meine ersten Eindrücke fotografisch festhalte. Auf meine Frage, ob etwas nicht korrekt sei, antwortet er nur "One Minute - my friend" und zeigt auf sein Handy, von dem er weitere Anweisungen erwartet. So geht das von Anruf zu Anruf weiter. Er nimmt meine Personalien auf, telefoniert, nimmt dann die Personalien von Ulrike auf, stellt neue Fragen, telefoniert wieder usw. Die Zeit vergeht, mir wird es langsam kalt und ich stehe mir die Beine in den Bauch. Ich werde etwas unwirsch und frage, wie lange das denn noch dauern könne, ich habe um zwölf einen Termin. Er könne mich ja gerne zur Deutschen Botschaftsschule fahren. 10 bis 15 Minuten noch, meint er, ich könne aber gerne in seinem Auto Platz nehmen. Da bemerke ich erst einen zweiten Mann, der die ganze Zeit dort schon steht. Ich nehme das Angebot dankend an und setze mich ins Auto. Durch die Seitenscheibe scheint die Sonne und es ist warm. Ich zücke mein Handy und setze Ulrike per WhatsApp über meine Lage in Kenntnis, nicht, dass ich plötzlich auf irgendeinem Kommissariat lande und kein Mensch weiß, wo ich bin. In meinem Kopf finde ich schon Gefallen daran. Wäre doch auch eine ganz interessante Erfahrung, das Land von dieser Seite kennen zu lernen. Zu guter Letzt übergibt mir der Mann sein Handy. Es meldet sich jemand auf Deutsch. So lange dauert es also, bis man jemanden vom "Informationsministerium" erreicht, der Deutsch spricht. Wie es sich gehört, stellt er mir alle Fragen noch einmal, lässt mich meinen Namen buchstabieren, fragt nach dem Namen meiner Frau, seit wann ich im Iran bin, was ich da mache und was ich denn fotografiere, als wüsste er das nicht alles schon längst. Kennt man doch von Krimis. Mal sehen ob sich der Verdächtige nicht in Widersprüche verwickelt. Offenbar ist er mit meinen Antworten jedoch zufrieden. Er bittet mich, das Telefon an seinen Kollegen zurückzugeben, der mir nach einem kurzen Gespräch die Kamera aushändigt. Nun will ich aber doch noch den Grund meiner Überprüfung erfahren und frage ihn, was denn nicht korrekt gewesen sei, ob ich denn nicht fotografieren dürfe. Selbstverständlich dürfe ich das in Richtung Norden tun, aber nicht gen Süden der Stadt (wo die Demonstrationen gegen das Regime eigentlich schon zum Erliegen gekommen sein sollen.) Wenn er da mal nicht zu viel gesagt hat…. Wie verunsichert muss die Regierung schon sein, wenn sie hinter jedem Ausländer mit Fotoapparat schon einen Journalisten wittert oder fürchtet, dass Fotos von Demonstrationen ins Ausland gelangen.
Kurze Nachricht an Ulrike, dass man mich hat laufen lassen. In der Schule werde ich erleichtert empfangen und Ulrike wird ermahnt, die Rundmails von der Schule zu lesen, in denen davor gewarnt worden ist, offen mit der Kamera in die Öffentlichkeit zu gehen. Diese Reisewarnung hatte, wie wir später hörten, auch das Auswärtige Amt herausgegeben.

Montag, den 8. Januar

Heute Morgen erkunde ich bei schönem Wetter die Gegend in unserer Nähe und mache mir dabei ein Bild von den Einkaufsmöglichkeiten. Die zahlreichen Obst- und Gemüseläden bieten verlockende frische Ware an, wunderbar in den Auslagen ausgelegt. Neben den auch bei uns im Schwarzwald und im Elsass gängigen Produkten wie Äpfel, Birnen, Wassermelonen, Kokosnüssen (auch geschälte), Erdbeeren, Apfelsinen, Zitronen, Granatäpfel, Ananas, Stangensellerie, Auberginen, Navettes, Kartoffeln und Salaten finde ich kleine zarte Zucchinis, die feiner schmecken als die uns bekannten, und kleine Gurken mit richtig gurkigem Geschmack. Ich entdecke immer wieder Früchte oder Gemüse, die ich noch nie gesehen habe. Ich werde mich langsam durchprobieren müssen. Angefangen habe ich mit Azgil, einer mispelartigen wallnussgroßen Frucht mit sämigem Fruchtfleisch. Schmeckt mir sehr gut, erfordert aber wiederum viel Geduld beim Abziehen der dünnen Schale und ist nicht sehr ergiebig. In der kleinen Frucht stecken fünf Kerne, die nahezu das ganze Innere ausfüllen. An einem der unzähligen Abfallcontainer, die an den Straßen stehen, sehe ich erstmals eine Frau im Tschador, die den Container nach Verwertbaren durchsucht. Gewöhnlich machen das Kinder und Männer, die mit großen Plastiksäcken unterwegs sind, die im Schweinsgallopp von Müllcontainer zu Müllcontainer eilen und diese auf Brauchbares untersuchen. Das ist hier der Recyclingkreislauf, der grüne Punkt Irans. Vor dem Container entdecke ich eine großartige Erfindung. Stehklos sind sind hier in Teheran gang und gäbe. Auch wir haben in unserer Wohnung neben zwei Sitzklos in den Badzimmern, ein Stehklo, offenbar als Gästeklo gedacht, das Ulrike allerdings stillgelegt hat. Jeder, der je ein solches Klo benutzt hat, weiß, wie umständlich das ist. Die Lösung habe ich vor dem Container entdeckt: ein Klappstuhl, in den ein Trichter integriert ist. Grandios!



Auf meinem Weg zur Kolahdouz St, die auch nach ihrer Umbenennung im Volksmund ihren Namen aus Shahs Zeiten - Dowlat - beibehalten hat, komme ich an etlichen kleinen Obst- und Gemüseläden vorbei, die bis in die kleinsten Ecken mit Waren vollgestopft sind und nur einen schmalen etwa 3-4 m langen Durchgang haben, zu dessen Seiten auf dem Boden allerlei Säcke und Körbe mit Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln usw. stehen. In den Auslagen rechts und links liegen fein aufgebaut Äpfel, Apfelsinen, Mandarinen, Zitronen, Khakis, Ananas, Granatäpfel und Pomeranzen, eine orangenähnliche Frucht, aber bitter und kleiner, und Norange, wie sie hier genannt werden. Eine Übersetzung habe ich noch nicht gefunden. Ich nehme an, dass es sich um Bergamotte handelt, eine Zitruspflanze, ein Hybride aus süßer Limette und Bitterorange. So gibt es noch einige Früchte, von denen ich schon mal gehört habe, die ich jedoch nicht kenne. Am Ausgang liegen die Kräuter Petersilie, Kerbel, Koriander, Thai-Basilikum, Minze und weitere mir ebenfalls noch nicht bekannte Sorten. Zur Kasse muss ich mich durch den Gang schlängeln. Bei Bezahlung werde ich gefragt, ob sie mir die Ware nach Hause bringen sollen. Diesen angenehmen Service nehme ich gerne in Anspruch, damit ich meinen Spaziergang unbeschwert fortsetzen kann.
Mein Weg setzt sich fort vorbei an ebenso kleinen Metzgerläden, einer Kfz-Werkstatt, in die gerade mal ein Auto passt, einem Fischladen, einer Konditorei, einem Matratzengeschäft, einem Geschäft für gebrauchte Pumpen und sonstiges Geräte,



für Haushaltswaren, einen Tante Emma Laden, in dem es Waren des täglichen Bedarfs gibt, wie Milch, Getränke, Butter, Joghurt, Joghurtgetränk (Ayran bzw. Doogh) in diversen Variationen, Reis abgepackt, Nudeln und Konserven usw. In den Folgetagen tätige ich hier meine Einkäufe. Produkte, die ich noch nicht kenne, kaufe ich erst einmal in einem Delikatessengeschäft ein; da kann ich nichts falsch machen. In der Metzgereiabteilung schauen wir uns die Auslage an und werden von einem Mann auf Englisch angesprochen, woher wir kommen, ob er uns helfen kann. Wir fragen, was denn das für Fleisch ist und lernen dabei, dass "Barré" Lamm ist und dass er auch immer hier einkauft und das ein gutes Geschäft ist. Das ist doch was. Wir entscheiden uns für Lamm für ein Pot auf feu. Der Metzger hält einen Fleisch Klumpen von einem halben Meter in die Höhe und fragt, ob das in Ordnung ist. Uns erscheint das etwas viel zu sein. Er zeigt auf seinen Oberschenkel, um uns zu sagen, dass das die Keule ist und es kleiner nicht geht. Er zerkleinert den Fleischklumpen so weit das geht in kleine Würfel. Schließlich kommen da 2,5 kg raus. Ist doch in Ordnung. Weiter geht es zu den Wurstwaren, vor denen wir auch mal wieder ratlos stehen, weil alles nur auf Farsi ausgeschildert ist. Eine Frau spricht uns an, woher wir kommen und klärt uns über die Wurstwaren auf. Weiter geht es zum Käse. Der Verkäufer, der uns eben die Wurst geschnitten hat, begleitet uns. Neben Camembert und Gouda liegt ein Käse mit dem Aufdruck "Esrom", von dem wir nicht wissen, was das für einer ist, Schaf, Kuh oder Ziege. Er guckt sich das an und weiß ebenso wenig wie seine hinzugekommenen Kollegen, was das nun für eine Käsesorte ist. Wir nehmen ihn mit. Neben dem Käse liegt ein eingepackter Ziegenkopf.



Die Geschäfte sind noch einen eigenen Bericht und Fotodokumentation wert. Ich traue mich noch nicht so recht, Fotos von den Läden und Händlern zu machen.



Das Foto von den beiden KFZ-Mechanikern bestärken mich allerdings. Sie freuten sich, von mir aufgenommen zu werden.



In der Dunkelheit erhält die Straße mit ihren blinkenden Leuchtreklamen und grellen roten und grünen persischen Schriftzeichen und dem regen Verkehr ein südliches Großstadtflair. Die Bürgersteige sind größtenteils nur 80 cm breit und so eng, dass man gerade aneinander vorbeikommt. Bäume, Müllcontainer und Briefkästen verengen sie noch weiter. Autos versperren sie zudem so, dass man auf die Straße ausweichen muss. Der eigentlich mit schönen Platten belegte Bürgersteig ist in die Jahre gekommen. Gebrochene Platten werden nicht ersetzt und bilden Stolperfallen. Die Stümpfe von gefällten Bäumen tun ihr Übriges.









Dienstag, den 16. Januar

Ich muss mal wieder etwas Büroarbeit und Buchhaltung machen, den Haushalt in Ordnung bringen, meine Hausaugaben in Farsi machen. Salâm sobh be kheyr, hâle shomâ chetor´e? (Hallo, guten Morgen, wie geht es Ihnen?). Versucht es nicht, den Text nachzusprechen. Der Wechsel von Zischlauten und Rachenlauten und dem geschlossenen A und dem offenen A bedarf schon einiger Übung.



Langsam lebe ich mich hier ein und bewältige schon mit großer Lässigkeit auch das Überschreiten der Straßen durch den fließenden Autoverkehr. Heute passiert es mir zum ersten Mal, und dies gleich zweimal, dass ein Autofahrer meinetwegen abbremst und mich vorbeilässt!!!
Auch die Preise für die Waren kann ich langsam einschätzen und die richtigen Scheine bereithalten, d.h. ob der mir angezeigte Preis nun in Rial sein soll oder in Toman, der Unterschied ist "lediglich" eine Null. Verstehen kann ich die Ansage noch nicht, aber ich bin schon froh, dass ich den Verkäufern nicht mehr mein Portemonnaie hinhalten muss, in dem mehrere 500.000 Rial-Scheine (ca.12 €) stecken, damit sie sich die entsprechenden Scheine herausnehmen können, wobei ich die 2000-er Scheine gleich stecken lassen kann. Nach dem Lebensmitteleinkauf gehe ich heim. An den Autoschlangen bieten Blumenverkäufer Osterglocken zum Kauf an. Kinder putzen ungefragt die Frontscheiben in der Hoffnung auf ein kleines Obulus.

Mittwoch den 17. Januar.

Heute schneit es eine halbe Stunde lang dicke Schneeflocken. Dann kommt die Sonne wieder raus. Im Laufe des Tages schneit es noch mehrmals kurz. Der Schnee bleibt aber nicht liegen. Es ist allerdings kalt, etwa 6-8° C. Smog liegt in der Luft.





Eigentlich soll heute Morgen unsere Putzhilfe bekommen. Am Vorabend klingelt sie bei uns und schenkt Ulrike eine dieser grünen Büropflanzen, ein Vorwand, um dem Sohn zu zeigen, wer wir sind? Sie ist nämlich in Begleitung ihres erwachsenen Sohnes, der nervös hin- und hergeht und den Blick nicht vom Boden abwendet. Ulrike hat in ihrer Wohnung natürlich nicht die Haare bedeckt. Fatemeh entschuldigt sich, dass sie am nächsten Tag nicht morgens kommen könne, sondern erst um 17 Uhr. Das passt Ulrike überhaupt nicht, die wegen einer Konferenz frühestens um 17 Uhr zu Hause sein kann. Als es um 17 Uhr klingelt, ist Ulrike noch nicht da. Die erste Frage von Fatimeh ist, ob Madame schon zu Hause sei. Ich verneine, sage ihr aber, dass sie auf dem Weg ist. Sie macht sich schon mal an die Arbeit. Als Ulrike nach einer Viertelstunde kommt, will sie wissen, warum sie denn nicht schon morgens kommen konnte – ihre Antworten sind unbefriedigend. Nachdem sie Ulrike früher schon mehrmals gefragt hat, ob ich ein guter Mann sei, fragte Ulrike sie, ob sie Angst habe, mit mir alleine in der Wohnung zu sein. Nein, sie habe nichts gegen mich, ich sei wie ein Bruder. Sie wolle aber gerne auch Ulrike sehen... So wurde der nächste Eermin auf einen Mittag gelegt, so dass sie Ulrike nach Schulende dann noch sehen kann. Zu guter Letzt erkundigt sie sich, ob ich denn nun verärgert sei. Ulrike hätte eigentlich‚ "ja" sagen sollen.

Donnerstag, den 18. Januar

Es ist wieder schönes Wetter. Die Sonne scheint. Der Himmel ist allerdings nicht so stahlblau, sondern etwas grau. Am Morgen bereite ich mich auf die Farsistunde vor. Um 14 Uhr kommt Nasim, meine Lehrerin. Abends gehen Ulrike und ich gemeinsam noch einkaufen.
In unsrer Konditorei stehen die Leute Schlange für Shirinis für den morgigen Freitag, den iranischen Sonntag.

Freitag, den 19. Januar

Wir machen uns zu einem Sonntagspaziergang am Freitag auf den Weg. Ziel ist der Ab-o-Atash-Park (Wasser- und Feuer-Park). Der Kaveh-Boulevard zeigt sich von seiner besten Seite.
Es ist früh am Morgen und es herrscht kaum Verkehr.



Auf der Dowlat überholen wir ein altes kleines Männlein, das uns von der Seite auf Frasi anspricht. Unsere Farsi-Kenntnisse sind schon so weit gediehen, dass wir verstehen, dass der Shah gut war und Chamenei schlecht - begleitet von einer Halsabschneidegeste - und das auf offener Straße!







Wir stoßen auf die Shariati und nehmen ein kleines Käffchen im V-Café, von dem wir einen herrlichen Blick auf das nördliche Teheran haben.





























Weiter geht es auf einen Seitenboulevard, an dem auch die chinesische Botschaft liegt. Das Viertel macht einen sehr gepflegten Eindruck. Die Müllabfuhr ist unterwegs.









Nach vier Stunden erreichen wir den Park und kehren erst einmal ein. Wir sitzen in der Sonne und haben das Gefühl, in Italien oder Südfrankreich zu sein. Im Hintergrund läuft gedämpft europäische Musik. Von hier aus bietet sich ein Überblick auf den Park. Im Vordergrund befindet sich ein großer Platz mit mehreren mit Zelten überdachten Bühnen für diverse Veranstaltungen. Der fliegende Reiter, das Wahrzeichen des Parks. Ein Reiterstandbild, vor dem sich Besucher gerne fotografieren, von verschiedenen Künstlern originell gestaltete Sitzbänke und sonstige Figuren zieren den Park, der von "Sonntags"-ausflüglern, jungen Leuten und Familien besucht wird, die Restaurants dagegen sind nur mäßig besetzt.





















Über die Tabiat-Brücke, eine wegen ihrer Architektur bekannte Fußgängerbrücke über den Modarres Highway, die nachts blau angestrahlt ist, geht es durch einen Wald zum Holy Defence Museum, das zum Gedenken an den Irakkrieg errichtet wurde. Von der Brücke aus bietet sich ein schöner Blick auf die Skyline von Teheran. Ein beliebtes Fotoobjekt.

Neben dem Holy Defense Museum stehen Panzer aus dem Irakkrieg neben Müllfahrzeugen und Baracken für Afghanen, die davor Fußball spielen.

Mittwoch, der 24. Januar

Mittags gehe ich zur Schule, wo ich mit Ulrike in der Mensa essen kann, dann zum Schneider zum Kürzen einer Hose. Der Laden gegenüber von der Schule ist so niedrig, dass ich nicht darin stehen kann. Der Schneider - in den 60ern mit Brille und Zopf - umarmt mich herzlich und gibt mir einen dicken Schmatzer. Er lacht, weil ich mich bücken muss. Wir erklären ihm, worum es geht. Alles klar, morgen Nachmittag ist die Hose fertig. Chodafez, auf Wiedersehen. Das ist sie auch tatsächlich. Der Auftrag ist einwandfrei zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt zum Preis von zwei Kugeln Eis bei uns in Deutschland!

Abends sind wir mit Ulrikes Theatergruppe im Azadi-Hotel im Nobelviertel von Teheran verabredet zur Austrian Food Week, einem Buffet. Wir fahren mit dem Snapp Taxi dahin. Für den Weg im Stau brauchen wir über eine Stunde. Der Fahrer schüttet uns sein Herz aus über das System. Er sei Ingenieur und habe den Master. Es gebe aber keine Arbeit für ihn. Er sei 38 Jahre alt und könne sich noch immer keine Familie leisten, sprich heiraten. Deswegen habe er auch keine Freundin. Er bleibe hier im Iran nur, weil seine Mutter hier noch lebt. Alldieweil fahren wir über feine, mit Pinien bepflanzte Prachtstraßen. In der Nähe wohnt - wie er uns sagt - auch Rohani, der Präsident. Von einem großen Transparent schaut der freundlich auf uns herunter. Die Häuser werden immer höher. Das höchste ist schließlich das Azadi-Hotel mit 27 Stockwerken, weithin sichtbar. Es erwartet uns eine Hotelhalle, so groß wie ein Basketplatz, mit Marmorboden und vergoldeten Türgriffen. An diversen Sitzgarnituren sitzen Geschäftsleute und tauschen Schriftstücke aus. In jeder Etage mit ihren endlos langen Gängen findet sich ein Buisinessroom, Restroom, Prayers-Room, VIP-Lounge, Konferenzraum. Hier wird offensichtlich einiges umgesetzt.

Wir fahren in den 26. Stock, von dem sich in der Dunkelheit ein herrlicher Ausblick auf Teheran darbietet. Wir sehen die zahlreichen Autoschlangen, die von hier oben wie Glasperlenketten aussehen. Zur anderen Seite bietet sich der Blick auf das Gebirge und das Foltergefängnis des Shah, das wir bestimmt auch noch mal besichtigen werden.

Donnerstag, 25. Januar

Morgens habe ich wieder Farsi gelernt. Unsere Lehrerin "Nadasim" (Name geändert) kommt um 14 Uhr. Nach dem Unterricht führen wir ein langes Gespräch über die Stimmung im Land nach dem Gespräch mit dem Taxifahrer gestern Abend. Die Einschätzung wird von ihr und einem großen Teil der Bevölkerung geteilt. Sie selbst will auch nach Deutschland, um zu promovieren. Ihr Freund lebt schon in dort.

Liebe Freunde, das sind also meine ersten Eindrücke und Erfahrungen. Uns geht es gut. Wir fühlen uns wohl und genießen die gemeinsame Zeit. Wir haben noch viel vor in diesem Land, dessen Bewohner uns, den Fremden, gegenüber so freundlich, hilfsbereit und dankbar sind.