Montag, 5. Februar 2018
Unsere gemeinsame Zeit in Iran (8)




TEHERAN VERSINKT IM SCHNEE
Während wir Anfang Januar den ersten Hauch von Winter zu spüren bekommen - einen halben Tag lang schneit es! - schmilzt die weiße Pracht schnell wieder weg und nur ein kleiner Schneemann auf dem Fußballfeld bleibt als Erinnerung.



Zwei Wochen später kommt jedoch der Winter mit solchen Massen von Schnee, dass die Schule daraufhin für zwei Tage geschlossen bleibt.



Zum einen, weil die Schulbusse nicht fahren können, zum anderen, weil der schwere Schnee die knochentrockenen Äste und selbst Bäume abbrechen bzw. umstürzen ließ. Das Servicepersonal hat jedenfalls seinen Spaß. Die Männer toben wie die Kinder im kniehohen Schnee und freuen sich. Dann gehen sie wieder ihrer Arbeit nach - aufräumen.











Die Kinder wären durch die Aufräumarbeiten auf dem Schulgelände gefährdet gewesen und so müssen sie zu Hause bleiben - sehr zum Leidwesen ihrer Eltern. Aber weil man ja auf solche Ereignisse vorbereitet sein muss, lassen sich die Hausaufgaben schnell über die Telegram-Elterngruppe (so was wie WhatsApp) versenden, damit die ausgefallenen Unterrichtstage nicht samstags oder an einem Feiertag nachgeholt werden müssen. Wir Lehrer können jedoch an diesen Tagen endlich einmal in Ruhe Dinge aufarbeiten oder mit den Kollegen ins Gespräch kommen; denn für alle Unterrichtenden ist Anwesenheitspflicht.





Schneeräumen per Wasserschlauch











Die Schneemänner bzw. -frauen gehören ein paar Tage lang zum Stadtbild und wurden nicht nur von Kindern gebaut!!!



Snowtubing auf Teherans Straßen



Die Bürgersteige wurden teilweise überhaupt nicht geräumt, so dass wir Fußgänger auf die Straße ausweichen müssen. Die Autofahrer waren jedoch 'not amused', denn wir hinderten sie am schnellen Vorwärtskommen.



Die weiße Pracht bleibt nicht lange weiß - die Abgase sorgen schon dafür - und auch nicht allzu lange liegen, doch im nahen Elbursgebirge liegt für die jährliche Skifreizeit der Schule noch genügend Schnee, so dass nächste Woche die Klassen 4 bis 9 zum Skilaufen fahren können. Ich darf als Begleitperson mitfahren. Beda fährt ganz privat mit.

SMOGALARM
Kaum sind die Schüler wieder in der Schule, heißt es wiederum 'Schule bleibt geschlossen' - dieses Mal wegen erhöhter Smogwerte.





Innerhalb von nur vier Stunden sieht man die weißen Berge von der Schule aus nicht mehr.




WANDERWOCHENENDE IN KHUZESTAN
Kurz nach Bedas Geburtstag profitieren wir wieder von einem iranischen Feiertag und haben dadurch ein verlängertes Wochenende.



Mit einer Gruppe von Kollegen und deutschen Freunden fliegen wir in den Südwesten nach Ahwaz (ach was?). Dort erwartet uns Anne, eine Deutsche, die seit über 30 Jahren dort ganz im Süden eine Araber-Pferdezucht betreibt. Sie führt nicht nur Pferdetrails übers Zagrosgebirge, sondern auch Wandergruppen.



Bei dem Tiefland der Provinz Khuzestan im Südwesten des Iran handelt es sich um die geografische Verlängerung des antiken Zweistromlandes von Euphrat und Tigris - Mesopotamien - nach Osten. Auf Grund seines Wasserreichtums zählt das Gebiet zu den ältesten und wichtigsten Kulturlandschaften Irans und der ganzen Region. Vor mehr als 6000 Jahren gab es hier bereits eine entwickelte Landwirtschaft und städtische Zivilisation. Heute begründet sich die Bedeutung dieser fruchtbaren Region außer auf Landwirtschaft auch auf die ergiebigen Vorkommen von Erdöl und Erdgas. Im Nordosten wird die Ebene von den wie eine Mauer aufragenden Ausläufern des Zagros Gebirges begrenzt. Dort liegen die Winterweiden der Nomadenstämme der Loren und Bakhtiaren, die im Frühjahr in wochenlanger Wanderung mit ihren Herden auf die Sommerweiden in den Hochtälern des Zagros Gebirges ziehen und im Herbst wieder zurück (Quelle: Infoblatt Reisebüro).

Während es in Teheran so um die 8-10° sind, erwarten uns in der südlichen Provinz 25-30°. Ausgerüstet zum Wandern sind wir erst, nachdem wir für Beda Wanderstiefel und für uns beide noch wärmende Schlafsäcke gekauft haben. Unser Gepäck wird zu den jeweiligen Übernachtungsorten in freier Natur gebracht. Wir nehmen nur einen Rucksack für die Wanderung mit.
Begleitet wird die 9-köpfige Wandergruppe von Anne und ihren beiden Helfern, die sich bestens in dieser Gegend auskennen.

Nach einer einstündigen Fahrt vom Flughafen nach Shushtar durch zuletzt extrem enge Gassen sind wir am Ziel - hier soll unser Hotel für die erste Nacht sein?







Durch einen unscheinbaren Eingang gelangen wir in den Innenhof des Traditional Hotel of Shushtar. - Whow!









Nach einem landestypischen Frühstück machen wir uns auf den Weg.



Drei Tage wandern - uns ist nicht ansatzweise klar, was uns alles erwartet. Vorab bekommt jeder anderthalb Liter Wasser als Marschgepäck mit auf den Weg.

















In den ersten Stunden geht es in Richtung Gebirge, wobei wir zweimal ein fast ausgetrocknetes Flussbett durchqueren. Anne erzählt uns, dass es eigentlich längst hätte geregnet haben müssen, weshalb die Vegetation weit zurückliegt. Bedingt auch durch den Bau von Stauseen, fließt nicht genügend Wasser ins Tal, so dass die Felder von unten nicht bewässert werden und der angebaute Weizen vertrocknet.













Die wenigen Bäume unterwegs bieten ein ideales Plätzchen für eine Pause. Anne hat für alles gesorgt, auch für die nötige Bodendecke. Während die Männer Tee kochen, zaubert sie aus ihrem Rucksack Proviant zur Stärkung. Bevor es weitergeht, füllt Anne die Trinkflaschen auf.



Weit ab von der Zivilisation können wir Frauen ohne das obligatorische Kopftuch wandern, allerdings war ein Kopfschutz durchaus zu empfehlen, genauso wie Sonnencreme LSF 30.









Mahmud erklärt uns, wie man mit dieser Distelpflanze überleben kann, denn die Stiele enthalten viel Wasser und schmecken wie Spargel.





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Wir kommen vorbei an Behausungen von Nomaden, die diese während ihres Winteraufenthaltes bewohnen, bevor sie im Frühjahr mit ihren Herden auf Sommerweiden im nahegelegenen Hochland des Zagrosgebirges ziehen.



Seit Anfang des Jahres hat es in dieser Region nicht geregnet. Die zur Zeit trockene und karge Landschaft soll, nach Angaben von Anne, bei entsprechendem Niederschlag in einem saftigen Grün erscheinen. Eine Vorahnung bekommt man davon an einigen Stellen, auf denen Weizen ausgesät wurde. Dieser müsste bereits kniehoch stehen.

Nach fast achtstündiger zügiger Wanderung, in der sich die Wandergruppe nach und nach in die Länge zieht, kommen wir zu unserer ersten Übernachtungsstätte.





Da es bald dunkel wird, müssen wir die bereits aufgebauten Zelte schnell an einen Ort unserer Wahl stellen. Hier ist zu bedenken, dass in dieser Gegend kein Klo zur Verfügung steht und man mit der Natur eins ist...

Ich bin erst einmal froh, meine Stiefel ausziehen zu können. Ich muss mir eingestehen, dass meine Stadtfüße einen solchen Marsch einfach nicht gewohnt sind. Ich merke, dass ich mir die Stiefel mindestens zwei Nummern zu klein gekauft habe. Aber der Verkäufer hätte mich ja auch mal darauf hinweisen können ;)







Während wir wandern, hat Annes Tochter unsere Sachen zum Übernachtungsort gebracht. Dort ist schon alles fürs Essen bereit. Das Lagerfeuer wird für den Tee und die Kebabspieße angezündet.

Bis das Essen auf der Decke steht, vergeht eine ganze Weile. Tee, Obst, Datteln und Nüsse machen die Runde. Es gibt Khoreshteh sabzi mit Hühnerkebab, Wildschwein und Reis. Das ist eine Art Eintopf mit grünem Gemüse und Fleischeinlagen.
Die Wartezeit vertreiben uns die Männer mit traditionellen Tänzen und die Kinder mit einem Stocktanz zur Musik aus dem Lautsprecher-Buster des Verpflegungsfahrzeuges.





Das Sitzen auf den Matten am Boden ist für mich (das soll ich nach Angaben von Beda betonen!) gewöhnungsbedürftig. Auf dem Sitzteppich müssen die Schuhe auf jeden Fall ausgezogen sein. Irgendwie weiß ich immer nicht, wo ich meine Füße lassen soll. Knien und Schneidersitz sind mögliche Alternativen, aber irgendwann ist das unbequem und ich setze/lege mich bequemer hin, was allerdings bald einen Krampf in der Hüfte nach sich zieht und ich kurz wieder aufstehen muss.



Nach dem Essen gehen wir todmüde ins Zelt.





Nach einer ruhigen Nacht - manchmal hörte man Kojoten heulen - frühstücken wir am nächsten Morgen ausgiebig - Kaffee und Tee mit heißer Milch sind Wachmacher. Die Wanderstiefel scheinen über Nacht geschrumpft zu sein, jedenfalls komme ich kaum hinein. Pflaster und Material zum Verarzten machen die Runde. Doch keiner lässt es sich anmerken, wie die Füße schmerzen und los geht es.















Das Nomadenzelt am Wegesrand ist schwer zu erkennen. Kaum sind wir dran vorbei, kommt uns ein Einheimischer mit einer Einkaufstüte entgegen, der den weiten Weg hinauf zu Fuß zurückgelegt hat.





So langsam nähern wir uns unserer letzten Zeltübernachtung. Meine Blasen und Druckstellen an beiden Füßen schmerzen so sehr, dass ich kaum mehr Schritt halten kann. Aber es hilft alles nichts - der Weg ist das Ziel! Ich freue mich auf ein Fußbad im nahen Fluss Karoun.







Zum Nachtmahl - es gibt Rinder- und Wachtelkebab mit Linsenreis - ist ein bekannter Sänger und Freund der Familie zu Gast. In die Refrains seiner Lieder, die auch auf Hochzeiten vorgetragen werden, stimmen die Gäste kräftig mit ein. Die Angehörigen des Clans haben dazu ihr Gewand angelegt. Begeistert tanzen die Kinder dazu. Die Lieder werden von Trommeln begleitet.







Die folgende Nacht ist ruhig - abgesehen von dem Gebimmel der Ziegenherden -, aber sehr kalt. Unsere Schlafsäcke halten die Kälte einigermaßen ab. Am nächsten Morgen machen wir nach dem Frühstück eine Bootsfahrt auf dem Karoun.





Eigentlich hätten wir nach Shushtar fahren und uns dort die Stadt ansehen wollen, aber man rät uns davon ab, da Unruhen befürchtet werden.











So wird es eine gemütliche Fahrt durch ein Naturschutzgebiet. Wir sehen Reiher, Kormorane und Büffelherden und winzig kleine Vögel, nicht größer als 5 cm!



Nach einer letzten Stärkung - es gibt Auberginenpürree mit Kashk (Molke) und Tomaten -, machen wir uns auf die fast zweistündige Autofahrt zum Flughafen nach Ahwaz. Da ich nicht mehr in meine Wanderstiefel komme, ziehe ich die 4 Nummern größeren Wanderstiefel von Beda an, so dass ich wenigstens laufen kann. Was sind die bequem!!! Beda selbst hatte Latschen dabei, die er für die Rückfahrt einfach anzieht. Uns kennt ja niemand... Pünktlich zum Abflug um 20.45 Uhr treffen wir in Ahwaz ein, wo uns mitgeteilt wird, dass unser Flieger erst um 0.30 Uhr starten wird. Ein Umbuchen ist nicht möglich, weil alle anderen Flüge nach Teheran ebenfalls Verspätung haben. Eine plausible Begründung wird uns nicht mitgeteilt.
Unsere Schlafsäcke blieben übrigens in Ahwaz auf dem Flughafen liegen - hoffentlich weiß der Finder sie zu schätzen.

PS: Die Füße sind äußerlich wieder hergestellt. Trotzdem brauche ich unbedingt mal einen Orthopäden - das ständige Gehen auf diesen unebenen Bürgersteigen hinterlässt so langsam seine Spuren.
Google-Maps gibt mir eine monatliche Auswertung meiner Aktivitäten - danach gehe ich pro Monat zwischen 55 und 60 km! Für mich ist das viel, weil ich in Deutschland diese Strecken eher mit dem Fahrrad zurücklege.


BEDAS iPHONE GIBT AUF?
Nachdem wir von der Wandertour zurück sind, müssen wir unbedingt Bedas Handy überprüfen lassen. Wir können uns nicht mehr erreichen, er selbst kann nicht mehr telefonieren. Irgendwas ist damit nicht in Ordnung. Es zeigt an, dass keine Netzverbindung besteht.
Wir gehen also am folgenden Wochenende in einen großen Apple Store, wo man sich allergrößte Mühe gibt, die Ursache zu finden.
Die Überprüfung ergibt, dass es an der SIM-Karte liegen müsse und schickt uns in den IranCell-Shop nebenan. Nach unentgeltlicher Auswechslung der SIM-Karte funktioniert das Handy immer noch nicht. Man schickt uns in die Reparaturwerkstatt nebenan. Dort spricht uns ein Kunde an, der auf die Reparatur seines Gerätes wartet, und bietet uns seine Hilfe an. Nachdem auch die Werkstatt keinen Defekt des Gerätes feststellen kann, vermutet der Mann eine Gesetzesänderung und fragt uns, seit wann wir im Iran sind.
Seit Anfang des Jahres soll ein Gesetz bestehen, demzufolge alle eingeführten alten Apple-Geräte bei Ankunft am Flughafen registriert werden müssen. Nach einer Karenzzeit von einem Monat werde der Empfang ausgeschaltet. Das iPhone müsse also nachträglich persönlich am Flughafen registriert werden. Für die Kosten für die Taxifahrten zum Flughafen hin und zurück sowie für die Registrierung selbst, bekomme man schon ein gutes Smartphone, allerdings "keinen Porsche" (O-Ton).

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